Samstag, 25. Juni 2011

Raumfahrer


Wir leben in den Trabantenstädten längst erloschener Metropolen,
Wo der Alltag nach trockenem Rotwein und Einsamkeit schmeckt.
Dass der Weltraum nicht weit genug ist, sagst du manchmal.
Dann nennen wir die Hunde auf der Straße Laika
Und machen unsere Kinder staunen,
Wenn wir ihnen am Bahnhof die massiven Züge nach anderswo erklären,
Als sähen wir am Horizont noch einmal die Starts in Baikonur
Mit unseren Kinderaugen.
















Auf dem Heimweg machen wir am Kiosk halt
Und kaufen von der Alten am Tresen Raketeneis.
"Wenn wir auf dem Mond wären"
Sagt die Hauswand gegenüber
"Könnten wir uns beim in-die-Luft-springen länger umarmen, als hier auf der Erde!"
Die Schrift ist ausgewaschen,
Also frieren wir weiter nach der Supernova,
Wärmen uns an spärlichen Erinnerungen.

Seit wir auf dem verbrannten Gras
Hinter den ausgeblichenen Neubaublocks sitzen,
schauen wir vom Wäscheplatz in den Himmel
und suchen die Sonne.
Früher haben wir hier die Drachen und Papierflieger starten lassen
Auf denen „Juri Gagarin“ oder „Sputnik“ stand.
Dass der Monat noch lang ist,
Und das Eis eine Ausnahme, sagst Du leise.















Am Abend nehmen wir dann weiße Pillen
Gegen das Gefühl im Magen, die noch nie geholfen haben.
Raumfahrernahrung sagst du, und dass uns der Treibstoff ausgegangen ist.
Die Leuchtreklame über der Kaufhalle ist blind geworden,
Aber wenn es dunkel wird, kann man aus unserem Küchenfenster
Noch den blassblauen Lichtschein einiger Buchstaben sehen.















Manchmal denken wir dann an den Aufbruch
Und steigen an der Endhaltestelle in den Nachtbus,
Um eine Zeit lang mit dem alten Ikarus durch die leere Stadt zu fahren.
Wir kreisen im Orbit und warten auf bessere Zeiten.
Und wenn wir endlich schlafen können,
Dann träumen wir Kleinstadtkosmonauten von weit weg.

Mit Dank an Wolfgang für die Bilder!


video

 
[2011]

Dienstag, 7. Juni 2011

Über die Verführung von Engeln*

Alle Möbel hinaus geworfen. Auf die Straße. Alles. Einfach alles. Tisch, Stuhl, Bett. Scheiße das Bett. Und die Matratzen, Handtücher, Bettwäsche. Den Korbstuhl auf dem sie so gerne gesessen hat, das Regal, in dem ihre schlechten Romane standen und das Goldfischglas in dem wir zuletzt die Kondome hatten, nachdem sie die Pille abgesetzt hatte. Sie meinte sie hätte zugenommen, wegen der Hormone.  500 Stück hab ich gekauft, mit dem Goldfischglas. Ich hielt das für romantisch. "Wenn die verbraucht sind" hatte ich gesagt "können wir über Nachwuchs nachdenken. Vielleicht bekommst du ja einen Goldfisch hin, der schlüpft dann auch schon in zwei bis fünf Tagen."

Und einen Hund getroffen. Mit dem leeren Goldfischglas. Sie hatte die restlichen 493 Kondome mitgenommen. Die brauchte sie auch.
Wenn er an der Leine vorbei geschlichen kommt kann ich sehen, dass er immer noch hinkt. Das wird auch nicht mehr weg gehen. Vielleicht Glassplitter eingedrungen und die wandern jetzt. Armer Köter.

Die Tapeten hab ich auch von den Wänden gerissen, jetzt ist alles neu. Nichts mehr übrig, nichts was sie berührt hat, nichts was mich an sie erinnert. Nur der hinkende Hund, der zwei dreimal am Tag vorbeikommt.

Aber die Fenster und Türen, die halte ich geschlossen, seit sie weg ist.
Also hier bleiben dachte ich, in der Luft in der noch ihr Atmen ist.
Wenigstens.



*Brecht entlehnt...
(Auszug 2005)