Freitag, 19. August 2011

Autobahn

Die Flucht endet mit der Straße vor Augen
Und den Dehnungsfugen im Ohr,
Die wir gegen das Meer tauschen oder den Sommer.
Wir haben die Nacht im Rücken
Und die bald braunen Maisfelder als Leibgarde an unserer Seite.

Noch zweihundert Kilometer,
Sobald die Abfahrt kommt werde ich dich wecken,
Du wirst dir den Schlaf aus den Augen reiben und lächeln.
Bevor du sagst, dass der Mais schon fast herbstreif ist.
Und ich wieder denke, dass wir unsere Ausfahrt lange verpasst haben.

Manchmal sind wir noch glücklich und wollen bleiben,
Aber wir sagen nichts,
Weil wir nicht mehr anhalten und ziellos durch die Felder rennen,
Um dann erschöpft auf den Boden zu sinken
Und unter dem Himmel zu schlafen.

Also vor uns die Tage,
Mit denen wir unsere Fluchten bezahlen
Und hinter uns wieder Sommer.
Den Nächsten werden wir nicht mehr erreichen
Wenn wir jetzt nicht  umdrehen.

Du schläfst seit der Dämmerung
Und sagst noch, dass du mich liebst,
Als ich wieder erzähle, dass es mich traurig macht,
Wenn man nach der Rückkehr die kalte Wohnung betritt,
Mit der abgestandenen Luft des fehlenden Lebens.

Die Kilometer schmelzen wie das Eis in unseren Händen,
Als wir uns noch küssten oder stritten.
Dass man die Menschen sucht,
Die man braucht, hast du einmal gesagt.
Deshalb verlieren wir uns heute.

Von der Maiseskorte bewacht
Halten uns die Leitplanken auf Kurs.
Die Autobahn erlaubt kein Wenden,
Also lege ich meine Hand auf dein Knie und werde ruhiger.
Wir sind Geisterfahrer auf unserer Spur.

Also vor uns die Tage,
Mit denen wir unsere Fluchten bezahlen
Und hinter uns wieder Sommer.
Den Nächsten werden wir nicht mehr erreichen
Wenn wir jetzt nicht umdrehen.

Aber ich werde nicht anhalten,
Um dich aus dem Auto hinein in den Mais zu ziehen
Und zu tun als fänden wir nicht mehr heraus.
Denn wir haben uns lange verirrt,
Zwischen gutbezahlten Büros und teuren Hotelzimmern.

Wir hatten gute Jahre
Und sind jetzt im Herbst denke ich, wie der Mais.
Also endet unsere Flucht,
Mit der Straße vor Augen
Und den Dehnungsfugen im Ohr.



(2011)