Samstag, 23. Juni 2012

future has gone

 
Maik sagt wir sollten wieder raus gehen.
Einmal noch. Wie früher.
Obwohl er weiß, dass sein Knie hin ist
Und er nicht mehr schnell genug.
„Klar“ sage ich. „Einmal noch."


Wenn ich dann an früher denke, sehe ich uns laufen,
Über den Schulhof beim Hasten
Und später davon, vor den Lehrern,
Weil wir hinter dem Essenssaal Goldkrone trinken
Und irgendwann wegen der Polizei und der Farbe an unseren Händen.


Wir laufen aus Angst
Vor den Grimm-Brüdern,
Weil sie berüchtigt sind und wir gerade 10
Und sich die Kinder einer ganzen Stadt fürchten
Von ihnen Prügel zu beziehen.


Wir laufen, weil die Ränder der Stadt dunkel sind
Und wir zu jung, um Blair Witch Project im Kino zu sehen.
Oder, um die letzte Bahn nicht zu verpassen
Und um wütend gegen die Fenster der abfahrenden Züge zu spucken
Und uns stark zu fühlen.



Wir laufen weil alles möglich ist,
Von Zuhause weg über’s Wochenende
Und fühlen uns wie die Jungs aus „Stand by me“,
Obwohl es in unserem Sommer regnet
Und wir in der Nacht zurück schleichen.


„Auf Damals“ sagt Maik, wenn wir anstoßen,
Dann zündet er sich eine Zigarette an
Und schlägt lachend auf meine Schulter.
Auf dem Weg zum Klo stolpere ich über seine Reisetasche,
Und sehe uns wieder laufen.



Weil wir noch immer die Kleinen sind
Und wegen der älteren Sprayer,
Die uns abziehen, wenn sie uns erwischen
Und weil wir im Krieg sind mit den anderen Crews
Oder es wenigstens hoffen.


Mit 15 laufen wir nur noch für Fame und Nervenkitzel
Mit den Mädchen im Arm durch die Tage
Und den Akkuschraubern, die wir von Baustellen klauen durch die Nacht.
Wir laufen, mit Farbdosen in unseren Taschen aus Baumärkten,
Am Tag über Fußballplätze und nachts über Gleise.


Maik kommt jedes Mal, wenn er Freigang hat
Und wir trinken auf früher,
Bevor wir leise werden
Und Maik mit Mundwasser nachspült,
Weil er bis sechs nüchtern sein muss.


Später bringe ich ihn zum Bus, der zur JVA raus fährt
Und nicke ihm zu als er einsteigt.
„Wenn wir trinken, sehe ich uns immer nur davon laufen" denke ich dann,
Auch wenn wir damals dachten:
Wir laufen, weil wir unsere Zukunft nicht erwarten können.


Montag, 12. März 2012

you're my heroin














Ich bin auf Entzug
und Hongkong ist mein Methadon,
seit Jahren schon.

Wenn ich auf mein Zimmer komme
rufe ich dich an.
Nur um zu sagen, dass es mir gut geht.

Dann stehe ich für eine Weile am Fenster
und schaue auf die Nathan-Road,
nur um Hongkongs Lichter zu sehen.

Sie fressen den Himmel und die Nacht, denke ich dann,
und an "Der Tod des Dichters Walter Rheiner",
dieses Gemälde von Felixmüller, das du mir gezeigt hast.

„Night-eating hongkong-lights“
stand auf der ersten Postkarte an dich.
"gezeichnet: W.R."

Auf die Zweite klebe ich ein Photo
von meiner Sonnenbrille,
in der sich die Nacht spiegelt.

„Night-eating hongkong-lights“!
Die Lichter machen süchtig,
deshalb ertrage ich die Tage nicht mehr.

Von 11 bis 11 jobbe ich in einer Spielhalle, die aus der Zeit gefallen ist.
Die Menschen hier reden nicht,
und das Licht imitiert die Straßen bei Nacht.

Alle sind süchtig,
Ihre Blicke starr, auf den flackernden Bildschirmen,
ihre Hände verfärbt von den Dollarmünzen.

Wenn ich anrufe sagst du, die Nummer ist nicht vergeben.
Das sagst du schon seit Monaten,
mehr reden wir nicht.

Und dann stehe ich wieder am Fenster der Chunking-Mansions
und blicke auf Hongkong,
nur um dich zu vergessen.

Manchmal kaufe ich eine deutsche Zeitung und lese im Feuilleton über dich,
das ist immer am Nachmittag,
wenn ich auf Turkey komme, weil die Lichter fehlen.

Dann warte ich auf die Nacht
und gebe zu viele Münzen raus, weil ich nichts mehr sehe.
Die Spieler wissen das.

Um 23:03 Uhr komme ich auf die Straße
und setze meine Sonnenbrille auf.
Hongkong liebt mich und „I wear my sunglasses at night“.

Ich denke an diesen Song,
wenn ich durch die Stadt gehe, die mich nicht kennt,
aber in der ich kein Fremder bin.

I wear my sunglasses at night
und sehe die neon-grelle Stadt fließen
und bin auf einem Auge blind.

Denn hinter dem linken Brillenglas steckt ein Bild von dir.
Man kann es nicht sehen, wenn ich sie trage,
weil die Gläser verspiegelt sind.

Dass du ihn liebst, hattest du gesagt,
als du am Fenster stehst und ich gehe
und am Flughafen das Photo von dir aus meinem Reisepass fällt.

„Die von ihnen gewählte Rufnummer ist nicht vergeben“,
sagst du heute und siehst glücklich aus in den Zeitungen,
während die Münzen, die ich in das Telefon werfe, meine Finger verfärben.

Dann öffne ich das kleine Fenster meines Zimmers
und der Nachtlärm schlägt mir entgegen:
Hongkong liebt mich.

Ich setze mich auf die Sessellehne
und denke an „Chunking Express“
und, dass ich mich neu verlieben muss.

Bevor ich einschlafe, schreibe ich dir eine Postkarte
und lege sie in den Karton zu den anderen.
Dann summe ich „California dreaming“.

Vor einer Weile habe ich sie gezählt,
Tausenddreihundertachtundsechzig Karten.
“On such a winter’s day”.

Manchmal stehe ich auch am Flughafen,
mit dem Ticket in der Hand,
um hier wegzukommen.

Aber wenn ich gehe, wird mich Hongkong nicht vermissen
und bald darauf würdest du sagen:
„Die von ihnen gewählte Vorwahl ist nicht mehr vergeben“.

Da bin ich mir sicher.
Ich bin süchtig nach dir
und Hongkong ist mein Methadon


[2012]